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Nachrichten aus der Welt der
Düfte: Auch menschliche Spermien können riechen. Deshalb spielen chemische
Duftnoten bei der Fortpflanzung eine große Rolle
Sie würden gerne die Zeit zurückdrehen, um noch einmal das Glück mit Ihrer
ersten großen Liebe zu erleben? Dann sollten Sie nicht in alten Bildern oder
Schallplatten kramen, sondern an einem Duft schnuppern, der Sie mit diesen
Zeiten verbindet. Gerüche können uns sekundenschnell in alte Zeiten
befördern, Erinnerungen zurückholen und längst vergangene Gefühle wieder
erwecken. Denn im Gegensatz zu akustischen und visuellen Eindrücken werden
Düfte nicht primär im Großhirn verarbeitet, sondern zuerst im Limbischen
System, einem der ältesten Bereiche unseres Gehirns, wo Triebe, Emotionen
und Gedächtnis verankert sind. Obwohl der Geruchssinn in Lehrbüchern immer
zu den „niederen“ Sinnen gerechnet wird und der Philosoph Immanuel Kant ihn
gar als unseren „verlorenen“ Sinn bezeichnete, spielt er in unserem Leben
eine viel größere Rolle, als wir vermuten. Ohne ihn könnten wir kein
wunderbares Essen oder einen edlen Tropfen genießen, wären ärmer an Gefühlen
und Erinnerungen und würden nicht gewarnt werden vor verdorbenen oder
giftigen Nahrungsmitteln. Jüngste Erkenntnisse von Psychologen haben
gezeigt, dass Düfte noch viel tiefer in unser Leben eingreifen, indem sie an
der individuellen Partnerwahl einen wesentlichen Anteil haben. Die
Psychologen sprechen von chemischer Kommunikation. Unsere Nase orientiert
sich dabei in erster Linie am Eigengeruch eines Menschen, der bei jedem so
individuell ist wie sein Fingerabdruck. Er teilt anderen mit, welche
Erbanlagen wir in uns tragen. Je unterschiedlicher der Körperduft – und
damit das Genrepertoire –, desto attraktiver für eine Partnerschaft. Was im
Großen funktioniert, scheint auch im Mikrokosmos der Zellen ein bedeutsames
Grundprinzip zu sein, denn Düfte sind sogar am Erfolg der Befruchtung der
Eizelle entscheidend beteiligt. Auf dem dunklen, langen Weg zur Eizelle
bieten offensichtlich den Spermien chemische „Duft“-Spuren Orientierung und
Hilfe. Hierfür benutzen die Spermien molekulare Komponenten, wie sie erst
vor kurzem für Riechzellen in der menschlichen Nase beschrieben werden
konnten. Vereinfacht gesagt: Spermien können riechen.
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Stimulierende Geruchsnote: Bourgeonal,
ein synthetischer Maiglöckchenduft, lockt menschliche Spermien an, indem
er deren Riechrezeptoren aktiviert. Schon bei sehr niedriger
Konzentration orientieren sich die Spermien zur Duftquelle |
In der Riechschleimhaut unserer Nase liegen
spezialisierte Nervenzellen, die Tausende verschiedener Duftmoleküle mit
bemerkenswerter Präzision erkennen und unterscheiden können. Sie übersetzen
die chemischen Duftsignale in elektrische Nervenimpulse, die Sprache, die
unser Gehirn versteht. Die chemo-elektrische Signalübertragung erfolgt dabei
über einen kaskadenartigen biochemischen Verstärkungsmechanismus: Jedes
Duftstoffmolekül muss zuerst an ein Rezeptoreiweiß in der Zellmembran der
Riechnerven andocken. Bindet ein solcher Riechrezeptor nun einen passenden
Duftstoff (Schloss- Schlüssel-Prinzip), so wird im Inneren der Sinneszelle
ein so genanntes G-Protein als Vermittler benutzt, um ein Enzym zu
aktivieren. Dieses Enzym wiederum stellt große Mengen eines zweiten
Botenstoffs, so 28 genanntes zyklisches Adenosin-Monophosphat her, der dafür
sorgt, dass positiv geladene Teilchen in die Nervenzelle einströmen können.
Dann werden elektrische Signale über die Nervenbahnen bis ins Gehirn
geleitet. Alle an dieser komplexen Signalverstärkungskaskade beteiligten
molekularen Komponenten hat die Wissenschaft in den letzten zehn Jahren
entschlüsselt. Ein Meilenstein stellt dabei das Jahr 1991 dar, als die
beiden wichtigsten Proteine, der Riechrezeptor und der Riechkanal, entdeckt
wurden. L. Buck und R. Axel erhielten 2004 den Nobelpreis in Medizin für die
ersten Daten über die Genfamilie der Riechrezeptoren. Bereits im Jahr 1992
fanden belgische Wissenschaftler Hinweise darauf, dass bestimmte Typen
dieser Riechrezeptorgene nicht nur in der Nase, sondern auch im Hodengewebe
von Säugetieren existieren. Interessanterweise konnten Bochumer Forscher vor
kurzem erstmals nachweisen, dass in menschlichen Spermien die gleichen
Riechrezeptoren zu finden sind wie in der menschlichen Nase. Kein Wunder,
dass seither über die mögliche physiologische Funktion der potenziellen
Dufterkennungsmoleküle in Spermien vielfach spekuliert wurde. Welche Rolle
die Fähigkeit zum Riechen bei der Fortpflanzung spielt, ist bis heute noch
nicht bekannt. Hierzu war vor allem notwendig, Informationen über die
chemischen Aktivatoren der im Hoden vorkommenden Riechrezeptoren zu erhalten
und ihre Anwesenheit in adulten reifen Spermien nachzuweisen.
Spermien sind mit etwa 60 Mikrometern die kleinsten Zellen des menschlichen
Körpers und in ihrer Struktur und Funktion vollständig ihrer einzigen
physiologischen Aufgabe angepasst: der erfolgreichen Suche und
anschließenden Befruchtung der Eizelle. Dabei machen sich schätzungsweise
300 Millionen Spermien auf einen äußerst beschwerlichen Weg im Inneren des
weiblichen Körpers. Nach der Ejakulation erreichen die Träger der
väterlichen Erbinformation durch den schmalen Gebärmutterhals die
Gebärmutter, suchen die Öffnung des Eileiters und passieren den Eileiter bis
zur so genannten Ampulle, einer Verengung des Eileiters, wo die Spermien bis
zum Eintreffen der Eizelle an der Eileiterwand gebunden werden. Nur
vollständig befruchtungsfähige Spermien lösen sich dann, schwimmen durch die
Ampulle und müssen schließlich zur Befruchtung die ihnen entgegentreibende
Eizelle treffen. Nur wenige Hundert der ursprünglich etwa 300 Millionen
ejakulierten Spermien gelangen in die Nähe der Eizelle. Jedes einzelne
Spermium steht also vor einer enormen navigatorischen Herausforderung, eine
Tatsache, die eine rein zufallsbasierende Befruchtung weitestgehend
unwahrscheinlich erscheinen lässt. Chemische Wegweiser, freigesetzt von der
Eizelle oder anderen Zellen des weiblichen Genitaltraktes, können den
Spermien als Anhaltspunkte bei ihrer Suche nach der Eizelle dienen. Die
Existenz solcher Signalsubstanzen gilt mittlerweile als gesichert, ihre
Identität allerdings ist noch immer unaufgeklärt. Auf Seiten der Spermien
müssen diese Lockstoffe aber nicht nur wahrgenommen werden, die Präsenz
eines Signals muss auch in eine gerichtete Bewegung zur Signalquelle hin
übersetzt werden. Genau an dieser Schnittstelle könnte ein zusätzlicher
Grund für das Vorkommen von Riechrezeptoren auf Spermien liegen.
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Links: Duftstoffe geben als chemische
Wegweiser einem Spermium Orientierung bei der weiten und beschwerlichen
Wanderung bis zur Eizelle. Die Duftquelle selbst befindet sich in der
Eizelle oder in Zellen um sie herum. Menschliche Spermien (rechts)
müssen diese Düfte aber nicht nur riechen können, sondern auch in eine
zielgerichtete Bewegung umsetzen. |
Auf Chromosom 17 des Menschen befindet sich in einem
Gencluster ein Kandidatengen für einen Riechrezeptor. Die genetische
Information zur Bildung dieses Rezeptors wird in Spermatozoen des
menschlichen Hodengewebes abgelesen und der Riechrezeptor noch vor der
Ejakulation in die Membran von reifen Spermien eingebaut. Welchen Duft kann
dieser Rezeptor riechen und welche Aufgabe erfüllt er in menschlichen
Spermien? Das zentrale Hemmnis bei der experimentellen Untersuchung der
Rezeptorfunktion stellt die ungeheure Zahl potenziell aktivierender
Duftsubstanzen dar. Jeder Riechrezeptor wird nur von einer kleinen Gruppe
strukturell ähnlicher Düfte aktiviert, während den Wissenschaftlern
theoretisch eine kaum zu definierende Vielzahl unterschiedlicher Duftstoffe
zur Verfügung steht. Die typische Suche nach der Nadel im Heuhaufen! Dies
gelingt heutzutage dadurch, dass man standardisierte Labor-Zelllinien (etwa
von Nierenzellen, die sicher nicht „riechen“ können) so manipuliert, dass
diese den gewünschten Riechrezeptor herstellen. Man kann dann mit optischen
Verfahren die Aktivität des Rezeptors messen und eine Vielzahl von einzelnen
Duftsubstanzen und -mischungen auf ihr spezifisches Aktivierungspotenzial
hin untersuchen. Aus einer Mischung von hundert chemisch sehr
unterschiedlichen Duftstoffen konnte eine einzige Substanz identifiziert
werden, die den Riechrezeptor aktivierte: Bourgeonal, ein synthetischer
Maiglöckchenduft. Anschließende Tests mit verschiedenen in ihrer chemischen
Struktur ähnlichen Molekülen identifizierten eine Reihe von weiteren
Duftstoffen, die diesen Rezeptor aktivieren können, wie zum Beispiel Lilial
oder Cyclamal. Das so ermittelte „molekulare rezeptive Feld“, also die
Struktur der ähnlichen Moleküle, auf die ein Riechrezeptor reagiert, war
allerdings sehr eng begrenzt. Kleine Änderungen am Molekül hatten bereits
drastische Wirkungen auf die Aktivität, größere Änderungen führten zum
völligen Wirkungsverlust. Unter der Annahme, dass dieser Rezeptor auch in
menschlichen Spermien vorkommt, wurden im nächsten Schritt lebende Spermien
getestet, ob sie den Duft wahrnehmen können. Bietet man nun im Experiment
reifen menschlichen Spermien Bourgeonal an, so reagieren diese mit einer
drastischen Erhöhung des zellulären Kalziumspiegels. Die zugrunde liegende
Signalkette im Inneren der Spermien ist Gegenstand momentaner
Untersuchungen. Gesichert ist, dass die Duftaktivierung zunächst zur
enzymatischen Produktion des Botenstoffes führt, der direkt oder über
weitere Kaskadenmoleküle einen Kanal öffnet, durch den Kalzium von außen in
die Zelle einströmen kann. Diese massive Erhöhung der Kalziumkonzentration
bildet die Grundlage zur Veränderung der Schlagfrequenz und -symmetrie der
Spermiengeißel, eine der wesentlichen Voraussetzungen für direktes
Richtungsschwimmen. Die biologische Wirkung von Bourgeonal auf Spermien als
Lockstoff wurde dann im Verhaltensexperiment überprüft. Mit
bewegungsanalytischen Verfahren konnte eine zielgerichtete Schwimmbewegung
auf eine künstliche Duftquelle hin und die dort anschließende Sammlung der
Spermien beobachtet werden. Gleichzeitig verdoppelte Bourgeonal die
Schwimmgeschwindigkeit der Spermien. Interessanterweise kann man die
Rezeptoraktivierung durch Zugabe einer weiteren, dem Bourgeonal strukturell
nicht-verwandten Duftsubstanz namens Undekanal vollständig blockieren (kompetitiver
Antagonist). Dies hat weitreichende Folgen. Die Spermien schwimmen trotz
Anwesenheit des Lockstoffes ziellos umher, auch ihre Schwimmgeschwindigkeit
stagniert. Die wegweisende Funktion bestimmter Lockdüfte für Spermien lässt
sich also durch passende antagonistisch wirkende Düfte aufheben. Diese Daten
öffnen die Tür, mit Hilfe von Duftsubstanzen neue Wege im Bereich
künstlicher Befruchtung undder Empfängnisverhütung zu beschreiten.Zumindest
die Ergebnissebisheriger Studien im Reagenzglas sind viel versprechend. Die
Übertragbarkeit dieser Ergebnisse bei der Anwendung auf den Menschen bleibt
zunächst abzuwarten. Die Erfolgsaussichten der Befruchtung im Reagenzglas
sind noch immer weit davon entfernt, von Reproduktionsmedizinern wie auch
von kinderlosen Paaren als befriedigend bezeichnet zu werden. Hier könnte
die Zugabe eines Lockduftes helfen, die Ergebnisse deutlich zu verbessern.
Gleichzeitig könnten auf der Grundlage bewegungsblockierender Düfte neue,
hormonfreie Verhütungsmittel entwickelt werden. Man würde den Spermien
sprichwörtlich „die Nase zuhalten“ und sie dadurch am Auffinden der Eizelle
hindern. |