Die Macht der Düfte: Vom Molekül zur Wahrnehmung
Bevor Lebewesen sehen und hören konnten, waren sie in der Lage zu riechen.
Das Riechen ist die Kraft, mit der sich Menschen und Tiere in der Welt
chemischer Reize orientieren, in die wir eingebettet sind. In der langen
Geschichte von 500 Millionen Jahren Evolution war es der Geruchssinn, der
dem Gehirn ein wichtiges Fenster zur Welt geöffnet hat, in dem er darüber
informierte, was essbar ist oder giftig, welches der richtige Sexualpartner
ist, sowie zur Orientierung, Warnung und Sozialverhalten beitrug. An die
Rezeptoren in der Nase angeschlossen, entwickelte das Gehirn die Fähigkeit,
die von den Rezeptoren gemeldeten Reize zu analysieren, die wichtigen
Duftstoffe zu identifizieren und als Signale zu erkennen, sie entlang ihrer
Konzentrationsgradienten zu verfolgen und so ihre Quelle ausfindig zu
machen. Bei den primitiven Wirbeltieren machte das Riechhirn den größten
Teil des gesamten Gehirns aus und die neuronalen Mechanismen der
Signalverarbeitung, die sich dabei entwickelten, standen Modell für die
Entwicklung aller anderen Sinne, wie Sehen und Hören. Trotz seiner
ungeheueren Komplexität und Leistungsfähigkeit organisiert sich das
menschliche Gehirn doch immer um das olfaktorische System. So lange der
Mensch atmet, riecht er. Düfte können dabei auf vielfältige Weise in unser
Leben eingreifen, sie können Auslöser für Sympathie und Antipathie sein,
Stimmungen beeinflussen, das Sozial- und Sexualverhalten steuern und als
chemische Kommunikationsmittel dienen. Neuere Forschungsdaten zeigen, dass
für den Menschen dieses archaische Sinnessystem weit weniger an Bedeutung
verloren hat als wir gemein hin glauben. Sehen und Hören halten wir für weit
wichtigere - und entsprechend besser erforschte - Sinnesfunktionen. Sie
tragen eher zum Bewusstsein und kognitiven Wahrnehmungsprozessen bei.
Lebensqualität und Wohlbehagen, Erinnerungen, Liebe und Fortpflanzung
allerdings werden maßgeblich durch das Riechen geprägt, auch wenn es uns
nicht immer bewusst wird. Dies liegt am direkten Zugang unseres Riechsystems
zu den ältesten Teilen des Gehirns, dem lymbischen System und dem
Hypothalamus. Hier liegen wichtige Zentren für Gefühle, Emotionen und
Triebe, aber auch für hormonelle Steuerung. Erst später werden die
Informationen dann in den Neocortex geleitet und für unser Bewusstsein
zugänglich.
Bevor uns Geist und Seele eines Menschen faszinieren können, muss dieser
erst einmal unsere Nase betören. Noch steckt die Geruchsforschung beim
Menschen in den Kinderschuhen und erst seit einigen Jahren hat sich die
Wissenschaft mit der Bedeutung und den molekularen Prozessen der
Duftwahrnehmung beschäftigt.Aufbau unserer Nase
In der menschlichen Nase finden wir drei übereinander liegende Ebenen,
die mit Schleimhaut überzogen sind. Auf der obersten befindet sich das sog.
Riechepithel, das aus den eigentlichen Riech- und den Stützzellen, sowie den
Basalzellen, besteht. Die Basalzellen sind adulte Stammzellen, die unser
ganzes Leben lang die Riech- und Stützzellen im 4-Wochen-Takt erneuern.
Riechzellen tragen an einem Ende feine, in den Nasenschleim hineinragende
Sinneshärchen (Cilien), mit denen sie mit der Außenwelt in Kontakt treten
und Duftstoffe absorbieren. Am anderen Ende der Riechzelle befindet sich ein
langer Nervenfortsatz, der durch kleine Löcher im Schädelknochen bis zum
Riechhirn (Bulbus olfactorius) zieht und Informationen über
Riechzellerregungen ins Gehirn leitet (Abb. 1). Die Nerven der Riechzellen
enden in kleinen kugelförmigen Zellansammlungen, den sog. Glomeruli. Sie
treten dort in Kontakt mit spezialisierten Empfängerzellen (Mitralzellen),
die dann das Duftsignal in tiefere Gehirnregionen weiterleiten.
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Abb. 1 Aufbau der menschlichen
Riechschleimhaut mit den Verbindungen der Riechsinneszellen zum
olfaktorischen Bulbus. |
Wie arbeitet eine Riechzelle?
Alles, was duftet, gibt aufgrund des Dampfdrucks ständig winzige Mengen
von spezifischen Molekülen in das umgebende Medium ab. Diese gelangen mit
der Atemluft in unsere Nase bis hinauf zum Riechepithel, wo sie durch den
Schleim mit Hilfe von Bindeproteinen zu den feinen Sinneshärchen der
Riechzellen transportiert werden. Inzwischen weiß man, dass sich in der
Membran dieser Sinneshärchen spezifische Proteine, sog. Rezeptoren,
befinden, die bei entsprechender Passung mit dem Duftmolekül wechselwirken
können. Dabei handelt es sich um schwache, elektrochemische Kräfte und
zusätzliche mechanische Passung. So durch Duftmoleküle aktivierte
Riechrezeptoren sind nun in der Lage, über zwischengeschaltete sog.
"G-Proteine" im Zellinneren eine biochemische Signalkaskade zu starten, an
deren Ende die Herstellung von zyklischem Adenosinmonophosphat (cAMP), eines
"zweiten Botenstoffes" (second messenger), steht. Dieser Botenstoff öffnet
dann seinerseits direkt Kanäle (Thürauf et al., 1996) in der Zellmembran,
durch die positiv geladene Teilchen, Kationen, in die Zelle einströmen
können und so das Ruhemembranpotential der Sinneszellen verändern (Abb.2).
Jede unserer Riechzellen hat in Ruhe ein negatives Potential von etwa -70
mV. Der Einstrom von positiv geladenen Ionen (meist Natrium- und
Calciumionen) aus dem Nasenschleim macht dieses Potential positiver, die
Zelle wird erregt. Man nennt eine solche Veränderung auch Rezeptor- oder
Sensorpotential. Ab einem gewissen Schwellenwert (ca. –50 mV) wird das
analoge Signal digitalisiert und in eine Sequenz von Aktionspotentialen
umgewandelt, die entlang des Nervenfortsatzes der Riechzelle bis in unser
Gehirn geleitet werden. Dieser kaskadenartige Verstärkungsmechanismus ist
die Basis dafür, dass wir so sensitiv auf die geringsten Konzentrationen
eines Duftstoffes reagieren können. Inzwischen konnten alle molekularen
Komponenten, die an dieser Transduktionskaskade beteiligt sind, isoliert und
die beteiligten Gene entschlüsselt werden.
Einen Meilenstein stellte dabei das Jahr 1991 dar, in dem in USA die Gene
für die beiden wichtigsten Proteine, die für die Erkennung und Umsetzung
eines Duftreizes in eine elektrische Antwort der Riechzelle verantwortlich
sind, erstmals identifiziert wurden, das Riechrezeptorprotein, das Düfte
erkennt (Buck und Axel, 1991) und der spezifische, durch cAMP geöffnete
Ionenkanal, der einen Stromfluss in Riechzellen erlaubt (Reed, 1992). Wir
konnten dann zum ersten Mal diesen Ionenkanal an menschlichen Riechzellen
mit elektrophysiologischen Methoden nachweisen und vermessen (Thürauf et
al., 1996, Zufall et al., 1993). 1999 gelang es uns dann, auch den ersten
Riechrezeptor des Menschen zu klonieren und zu charakterisieren (Wetzel et
al., 1999).
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Abb. 2 Molekulare Prozesse bei der
Umsetzung eines chemischen Duftreizes in eine elektrische Zellantwort. |
Die Riechrezeptoren, eine Großfamilie
Man schätzt, dass es im menschlichen Genom ca. 350 davon gibt. Es ist die
größte Genfamilie im menschlichen Genom überhaupt. Ein Hinweis darauf, wie
wichtig Riechen für den Menschen ist, auch wenn wir oft den Geruchssinn als
niederen oder gar "verlorenen Sinn" bezeichnen. Die Aminosäureketten (ca.
320 Aminosäuren) der Riechrezeptorproteine sind sich in ihrer Sequenz sehr
ähnlich (homolog) und durchspannen an sieben Stellen die Zellmembran (Abb.
3). Am meisten Diversität findet man in Bereichen, die innerhalb der
dritten, vierten, fünften und sechsten Membran durchspannenden Region
liegen. Hier vermutet man die Bindungsstellen für die einzelnen
Duftmoleküle. Ein Rezeptorprotein ist dabei in der Lage, sehr spezifisch nur
eine bestimmte chemische Teilstruktur (funktionale oder determinante Gruppe)
eines Moleküls zu erkennen und entsprechend nur auf Duftmoleküle zu
reagieren, die diese molekulare Struktur besitzen. Trotz ihrer hohen
Spezifität können Rezeptoren nicht nur durch ein bestimmtes Molekül
aktiviert werden, sondern Moleküle ähnlicher Struktur in höheren
Konzentrationen sind dazu ebenfalls in der Lage. Man findet z.T. auch
Rezeptoren mit sich überlappenden Spektren. Molekular deutlich
unterschiedliche Strukturen sind allerdings unwirksam. Die Gene für die
verschiedenen Rezeptoren liegen beim Menschen in Klustern von bis zu 80
Mitgliedern angeordnet und sind nahezu über alle Chromosomen verteilt (außer
Chromosom 20 und Y). Jede Riechzelle aktiviert allerdings nur eines dieser
Gene und stellt deshalb nur einen einzigen Typ von Rezeptorprotein her,
darauf beruht die hohe Spezifität. Mit anderen Worten, bei ca. 20 Millionen
Riechzellen und etwa 350 unterschiedlichen Rezeptoren, gibt es entsprechend
viele Typen von Riechzellen, d.h. von jedem Typ ca. 40.000 in der
Riechschleimhaut verteilt. Mit Hilfe der sog. in situ Hybridisierungstechnik
konnte eine spezifische, genetisch festgelegte Anordnung dieser 40.000
Sinneszellen eines Typs, ein sog. Expressionsmuster, gefunden werden. Diese
Verteilungen treten symmetrisch in beiden Nasenhöhlen auf.
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Abb. 3 Struktur eines menschlichen
Riechrezeptors. |
Funktionale Expression menschlicher Riechrezeptoren
Wir haben uns in den letzten Jahren vor allem mit der detaillierten
Untersuchung der Riechrezeptorproteine beschäftigt, die in der Nase des
Menschen vorkommen. Hinweise, dass es sich tatsächlich um die lang gesuchten
Riechrezeptoren handeln könnte, kamen aus den Befunden, dass man sie
spezifisch in Riechzellen findet und dass es eine zahlenmäßig sehr große,
mehrere Hundert Mitglieder umfassende Genfamilie gibt, die entsprechend
viele unterschiedliche solcher Proteine erzeugt. Für einen gesicherten
Beweis war es notwendig, zu zeigen, dass diese Proteine Düfte erkennen und
unterscheiden können und in der Lage sind, in der Zelle die
Signalübertragungskaskade anzuschalten. Experimentell gingen wir deshalb
folgendermaßen vor: Die menschlichen Riechrezeptorgene werden nach
herkömmlichen molekularbiologischen Methoden aus genomischem Material des
Menschen isoliert, kloniert und in Expressionsvektoren, gekoppelt an eine
sog. Membranimportsequenz, eingebaut. Hierzu wählten wir nach dem
Zufallsprinzip eine Familie von Rezeptorproteinen, deren Gene in einem
Genkluster mit 20 Mitgliedern auf Chromosom 17 des Menschen zu finden sind,
aus.
Humane Riechrezeptoren werden von uns in rekombinanten Systemen untersucht.
Als rekombinantes Expressionssystem wird eine menschliche Nierenzelllinie
(HEK293-Zellen) verwendet, z.T. auch eine Stammzelllinie aus olfaktorischen
Basalzellen (Odora-Zellen). Mithilfe von viralen, aber auch
Calcium-Prezipitations-Tansfektionsmethoden werden die Rezeptorgene zusammen
mit einem expressionsverstärkenden Protein hsc70t (Neuhaus et al., 2006) in
die Nierenzellen eingeschleust. Innerhalb weniger Stunden beginnen dann die
Nierenzellen das entsprechende Riechrezeptorprotein herzustellen und in ihre
Zellmembran einzubauen. In Vorversuchen konnte gezeigt werden, dass die
Aktivierung von Riechrezeptoren zum Anstieg der intrazellulären
Calciumkonzentration in Zellen führt. Dies kann mit einem Calcium-sensitiven
Farbstoff (Fura-2), der Veränderungen der Calciumkonzentrationen in der
Zelle durch Verschiebung der Wellenlänge des imitierten Lichtes kenntlich
macht, mithilfe von bildgebenden Verfahrenstechniken (Calcium-Imaging-System)
life und in Echtzeit beobachtet werden. Die erfolgreiche Duftaktivierung
eines spezifischen Rezeptorproteins wird dann durch die Erhöhung der
Calciumkonzentration in der Zelle nach Applikation definierter
Duftmischungen (Henkel 100, Symrise 100) nachgewiesen. Anschließende
Unterteilung der stimulierenden Duftmischung und Analyse der Aktivität der
einzelnen Fraktionen führen zur Identifizierung des(der) für die Aktivierung
des Rezeptors verantwortlichen Duftmoleküls(e). Mit diesen Methoden gelang
es uns, den ersten menschlichen Riechrezeptor (hOR17-40) zu
charakterisieren. Dieser Rezeptor ist spezifisch für Helional und
strukturell ähnliche Moleküle (z.B. Heliotropylazeton), ein Duft nach
frischer Meeresbrise (Wetzel et al., 1999) (Abb. 4). Darüber hinaus haben
wir zusätzlich biochemische Essay-Systeme (z.B. Fusion-Essay) aufgebaut,
mithilfe derer wir im Hochdurchsatzverfahren größere Mengen an verschiedenen
Duftstoffen auf einen bestimmten Rezeptor untersuchen können. Hierzu wird
entweder eine stabile Zelllinie mit dem entsprechenden Rezeptor verwendet
oder größere Mengen an nativem Material (z.B. Spermien), um eine genügend
große Lichtausbeute bei der Biolumineszenz-Reaktion zu erhalten. Außerdem
wurde am Lehrstuhl eine schnelle Applikationsmethode für die Zugabe von
Duftstoffen etabliert. Hierbei handelt es sich um ein Ventil gesteuertes
Mikroapplikationssystem, das erlaubt, in 7 getrennten Zuführungsleitungen
von nur einigen Mikrometern Durchmesser verschiedene Duftstoffe sehr rasch
(ca. 10 ms) auf Zellen zu applizieren und ebenso schnell wieder aus dem
System zu entfernen. Besonders für Duftstoffe, deren Zellantwort schnell
adaptiert ist, ist dies von Bedeutung und Notwendigkeit.
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Abb. 4 Identifikation eines
wirksamen Duftes für den menschlichen Rezeptor OR 17-40. Aus der
Mischung von 100 verschiedenen Düften wurde die Substanz identifiziert,
die den Rezeptor OR 17-40 aktiviert: Helional |
Bestimmung des aktivierenden Duftes für einen menschlichen
Riechrezeptor
Inzwischen konnten von uns weitere menschliche Rezeptoren hinsichtlich
der aktivierenden Düfte identifiziert werden. Von besonderer Wichtigkeit
erwies sich dabei der Rezeptor hOR17-4, der durch Maiglöckchen ähnliche
Substanzen (Bourgeonal, Zyklamal) stimuliert wird (Spehr et al., 2003). Die
Bestimmung des molekularen rezeptiven Feldes dieses Rezeptorproteins durch
umfangreiche Strukturaktivitätsstudien zeigt, dass diese Rezeptor in der
Lage ist, spezifisch eine bestimmte chemische Struktur eines Duftmoleküls zu
erkennen (Abb. 5). Düfte, die diese funktionale Gruppe tragen, können die
Konformation des Rezeptorproteins verändern und dadurch die biochemische
Signalverstärkungskaskade in der Riechzelle starten. Dieses Grundprinzip ist
für alle bisher untersuchten Riechrezeptoren gültig. Rezeptorproteine sind
also nicht nur durch ein einziges spezifisches Duftmolekül erregbar, sondern
durch eine umschriebene Gruppe von chemischen Substanzen mit definierten
Strukturmerkmalen. Man kann deshalb davon ausgehen, dass die 350 aktiven
Rezeptorgene (Zozulya et al., 2001) es dem Menschen erlauben, entsprechend
viele einzelne Gruppen von Duftmolekülen zu erkennen und zu unterscheiden.
Endgültig beweisen wird dies allerdings erst die Entschlüsselung und
Charakterisierung aller beim Menschen vorkommender Rezeptoren. Die
technischen Voraussetzungen hierfür sind vorhanden.
Interessanterweise konnten wir im Rahmen dieser
Liganden-Screeningexperimente für den Rezeptor hOR17-4 nicht nur
aktivierende, sondern auch antagonistisch wirkende, also blockierende
Duftmoleküle (z.B. Undecanal) entdecken (Abb. 5). Undecanal und strukturell
ähnliche Moleküle sind in der Lage, mit den Agonisten um die Bindestelle zu
kompetitieren und bei entsprechenden Konzentrationsverhältnissen die
Aktivierung des Rezeptors zu verhindern. Vor kurzem konnten wir durch sog. „sniffing
tests“ mit Probanden und elektrophysiologische Messungen am menschlichen
Riechepithel (EOG) zeigen, dass der Rezeptor hOR17-4 in Riechzellen der
menschlichen Nase durch den antagonistisch wirkenden Duftstoff blockiert (Spehr
et al., 2005). Dadurch wird unter allen 350 Rezeptoren spezifisch nur der
Rezeptor für Maiglöckchenduft ausgeschaltet und selektiv die Wahrnehmung
dieses Duftes verhindert.
Damit konnte erstmals gezeigt werden, dass, ähnlich wie von vielen
pharmakologischen Rezeptoren (Adrenalin, Opiat) bereits bekannt, ein
Riechrezeptor spezifisch blockiert und der Geruch eines bestimmten Duftes
selektiv ausgeblendet werden kann. Durch weitere Entwicklung von
spezifischen Duftblockern für menschliche Rezeptoren lassen sich nicht nur
übelriechende Gerüche selektiv ausschalten (z. B. Toilettengeruch,
Schweißgeruch), sondern auch die Duftwahrnehmung von Zellen außerhalb der
Nase selektiv blockieren.
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Abb. 5 Spezifität des menschlichen
Rezeptors OR 17-4. |
Molecular Modelling
Durch die hohe Strukturhomologie der bisher identifizierten
Riechrezeptoren und unterschiedlich wirksamen Duftmoleküle war es uns auch
erstmals möglich, Aminosäuren im Rezeptorprotein zu identifizieren, die
potentiell an der Bindung des Duftmoleküls beteiligt sind. Mithilfe von
Computer unterstützten sog. „molecular modelling“-Verfahren können damit in
Zukunft Strukturvorhersagen für den idealen Duft an einem bestimmten
Rezeptor gemacht oder umgekehrt ein Rezeptorprotein mit einem optimalen
Bindungsareal für einen bestimmten Duft konstruiert werden (Tacke et al.,
2007). Ein lang gehegter Traum der Wissenschaftler und der Industrie könnte
somit in Erfüllung gehen, für einen Riechrezeptor den perfekten Duft zu
designen oder durch Veränderung am Rezeptor einen „Super“-Riechsensor für
einen definierten Duft zu erzeugen (Abb. 8).
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Abb. 8 Hypothetisches
Computermodell der Bindestelle am menschlichen Riechrezeptor OR 17-40. |
Erkennung und Unterscheidung von Düften
Die meisten Düfte, mit denen wir im normalen Leben konfrontiert werden,
sind keine chemisch reinen Einzelsubstanzen, sondern Mischungen aus sehr
vielen chemischen Komponenten. So bestehen Blumendüfte meist aus mehreren
hundert Einzelkomponenten, ähnliche Zahlen findet man auch bei modernen
Parfums oder im Nahrungsmittelsektor. Wie funktioniert es, dass wir eine
Orange von einer duftenden Rose unterscheiden können (Shepherd, 1994)? Wie
bereits erwähnt, besitzen wir ca. 350 verschiedene Typen von
Riechsinneszellen, von denen jede einzelne nur einen Typ von Rezeptor
herstellt und deshalb sehr spezifisch für eine kleine Gruppe chemisch nah
verwandter Substanzen ist. Alle Zellen eines bestimmten Typs, also alle ca.
50.000, senden ihre Nervenfortsätze zu einem ganz bestimmten kugelförmigen
Gebilde (Glomerulus) in unser Riechhirn (Bulbus olfactorius). Nehmen wir an,
wir würden chemisch reine Vanille in geringer Konzentration riechen, so
würde nur der Typ von Riechzellen aktiviert werden, der das passende
Rezeptorprotein für die Erkennung von Vanille besitzt, also die sog.
Vanillezellen. Diese senden ihre Nervenfortsätze zu einem bestimmten
Glomerulus (Mombaerts, 1996), dem "Vanilleglomerulus", ähnliches gilt für
einen „Moschus-Glomerulus“ oder „Buttersäure-Glomerulus“. Riecht man eine
Mischung aus mehreren chemischen Komponenten, so werden entsprechend mehrere
Rezeptorzelltypen und damit auch mehrere dieser Glomeruli gleichzeitig im
Riechhirn aktiviert. Die Kombination beinhaltet die Information, welche
Duftmischung wir gerochen haben. Rosenduft zeigt eine charakteristische
Glomerulikombination, eine andere Kombination von Glomeruli wird von
Orangenduft aktiviert, zum Teil können sie sich überlappen (Abb. 9). In der
Psychologie könnte man es am besten mit dem Begriff "Gestalterkennung"
beschreiben. Jeder Duft hat seine charakteristische Gestalt im Sinne eines
für ihn typischen Aktivierungsmusters bestimmter Glomeruli. Haben wir einen
Duft einmal gelernt, so können wir ohne weiteres einen Teil der Information
weglassen und werden trotzdem noch den Duft wiedererkennen. So kann man die
Zahl der chemischen Komponenten eines Mischduftes stark reduzieren und
trotzdem werden wir ihn noch identifizieren können, z.B. als künstlichen
Rosenduft oder künstliches Orangenaroma. Dies erlaubt natürlich auch der
Industrie, uns zu manipulieren. Es können uns künstliche Aromastoffe, z.B.
Pfirsich, Trüffel oder Lachsaroma als Naturprodukte vorgegaukelt werden,
ohne dass diese Stoffe in der Nahrung enthalten sind. Wir können auch mit
künstlichen Aromastoffen angelockt (z.B. zum Brotduft) oder verführt werden
(z.B. mit Neuwagenduftaroma oder Lederaroma), Gegenstände für gut und teuer
zu halten, ohne dass es der Wirklichkeit entspricht. In der Werbung werden
Düfte häufig als die geheimen Verführer bezeichnet, sie können uns unbewusst
manipulieren, aber, wie wir aus der Aromatherapie wissen, auch viele
positive Wirkungen ausüben.
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Abb. 9 Modell der Unterscheidung
des Rosen- und Orangenduftes im Bulbus olfactorius durch kombinatorische
Aktivierung von Glomeruli („Gestalterkennung“). |
Hinweise zum Weiterlesen
Buck L., Axel R. (1991) A novel multigene family may encode odorant
receptors: A molecular basis for odor reception. Cell 65, 175-187.
Reed R.R. (1992) Signaling pathways in odorant detection. Neuron 8, 205-209.
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Mombaerts P. (1996b) Targeting olfaction. Curr. Opin. Neurobiol. 6, 481-486.
Thürauf N, Kobal G, Giuric M, Hatt H (1996) Cyclic nucleotide-gated channels
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Specifity and sensitivity of a human olfactory receptor functionally
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